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#1: Ein Jungbrunnen der Oper?

Posted on 2006-07-09 19:41:14 by Peter Brixius

Unter dem Titel "Zurück zum unverkrampften Spiel" stellt Reinhard
Schulz in der neuen nmz die Kammeroper München als ein Erfolgsrezept
vor. Gegenüber den groÃčen Opernhäusern, die "ihren 400-jährigen
Ballast in jeder Neuinszenierung abladen" stellt Schulz ein Konzept,
das er als "ebenso einfach wie schlagend" bezeichnet.

Dabei geht es zunächst einmal um Reduzierung, aus dem groÃčen
Klangkörper des Opernorchester wird ein solistisches Kammerorchester,
das "in der Regel mit einem Streichquintett und circa vier Bläsern
(plus eventuell ein Cembalo" auskommt. Da fragt man sich sofort,
welche Werke man denn in dieser Reduzierung aufführen kann. Genannt
werden Haydn, Mozart, Rossini, Donizetti, StrauÃč und Smetana, an Opern
Haydn "Orlando Paladino" und Cimarosas "Die heimliche Ehe". Für die
genannten Werke mag das Orchesterkonzept aufgehen, verallgemeinern
kann man dieses Konzept mE aber nicht.

Die zweite Ingredienz ist die Jugend der Sänger: "Die Sänger sind
jung, unverbraucht, kommen von der Hochschule, dem Konservatorium oder
der Bayerischen Theaterakademie." Auch hier gibt es ein Repertoire,
das der Mischung von Unverbrauchtheit und Unerfahrenheit entgegen
kommt. Ob es nun gerade das Repertoire ist, das Schulz einleitend als
die Last der groÃčen Häuser bezeichnet, möchte ich nun eher bezweifeln.
Bedenklich wird es mir im Fortgang der Argumentation: "Das macht
Liebes- und Eifersuchtszenen auf ganz natürliche Weise verständlich."
Natur und Kunst - ein altes Thema :-) "Wenn man sieht, mit welch
jungen Sängerinnen und Sängern Mozart zusammenarbeitete, dann versteht
man (ein 50-jähriger Tamino, eine nur wenig jüngere Papagena, da kann
sich die Regie noch so biegen, es bleibt ein Rest von
Lächerlichkeit.)"

Eben hier wird für mich der Rubikon überschritten. Um mit dem Ende
anzufangen, ein 50-jähriger Tamino, der nicht einen 20-jährigen
spielen kann, ist sicher eine Fehlbesetzung. Aber natürlich *kann* ein
50-jähriger Tamino ein überzeugendes Rollenbild liefern ohne auch
einen Ansatz von Lächerlichkeit. Imagination und Einfühlungskraft
gehören immer zur Aufführung.


Wenn Schulz "Die Zauberflöte" nennt, dann lohnt es sich, genauer
hinzusehen: Die Königin der Nacht (Josepha Hofer geb. Weber) und
Tamino (Benedikt Emanuel Schack waren 33 Jahre alt, der Sarastro
(Franz Xaver Gerl) 27, der Papageno (Schikaneder) immerhin schon 40,
der Monostratos (Johann Joseph Nouseul) 39. Ãťberraschend jung für uns
heute ist die Pamina, die von Anna Gottlieb im Alter von 17 Jahren
gesungen wurde. Das sollte man sich natürlich auch für heutige
Aufführungen zum Vorbild nehmen ...
Last not least: Barbara Gerl (1770-1806) gab mit 21 Jahren die
Papagena.

Das Ensemble Schikaneders umfasste also durchaus unterschiedliche
Altersstufen. Dass man die Situation von damals ohnedies nicht so
einfach auf heute abbilden kann, ist wieder eine andere Sache.
Schulpflicht und andere lästige Dinge verschieben so manches um Jahre
:-)

Ich vermute, dass "Il rè pastore" durchaus eher mit einer jungen
Truppe machbar wäre als etwa "Die Zauberflöte". Die Ansprüche, die das
Publikum an die Gestaltung bekannter Rollen hat, ist erheblich höher,
dazu ist heute der Vergleich mit Tonkonserven gegeben, die einem etwa
die Rosina einer Callas ins Gedächtnis brennen.

Kleines Ensemble und unbefangene Sänger werden eingefasst in ein
belebtes Agieren, das auf die eigene Kreativität der Akteure setzt.
Schulz weist auf die Regiearbeit Wilgenbuschs hin, der es "immer
wieder versteht, ein Feuerwerk der Ideen, die eng mit den Aktionen der
Musiker korrelieren, zu zünden. Auf einmal erscheint Oper entkrampft,
schnell, quicklebendig und wird in ihren Basisbedingungen neu
verstanden."

Nach dem durchaus richtigen Hinweis, dass sich die Oper immer wieder
durch "aktive Tat auf allen, eng aufeinander abgestimmten Ebenen
[ihre] Möglichkeit neu erringen" muss, folgt ein Seitenhieb (auf wen
wohl?) "Nicht über Gags, die sich blöde über die Sache erheben,
sondern über eine neue Form von liebender und achtender Hinwendung"
erwirbt das "unmögliche Kunstwerk" seinen Platz im Zentrum des
Geschehens: "genussvoll, heiter, tief", ein "heute notwendige[s]
Regulativ" vor der Erstarrung der Oper.

BegrüÃčenswert ist jeder gelungene Versuch. Man kann ihn auch feiern,
ohne anderes abzuwerten. Einiges scheint mir bedenkenswert, anderes
eher in seinen Möglichkeiten eher beschränkt. *Ein* Weg sicher
(entdeckt bitte mal die Vaudevilles von Gluck!), *der* Weg sicherlich
nicht.

Was meinen unsere Opernfreunde?

(Der Artikel Schulz' stammt aus der neuen nmz und wird in Kürze auf
der Website <a href="http://www.nmz.de" target="_blank">http://www.nmz.de</a> zu finden sein.)

Es grüÃčt

Peter




--
Was ich bin und bleiben will, ist eine Performerin. Das ist
mein Zentrum.
(Anna Netrebko, Berliner Morgenpost vom 11.6.2006)

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