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| Elly Ney - ein zweiter Exkurs [message #246109] |
Tue, 05 July 2005 18:31 |
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Elly Ney war im Anfang ihrer Laufbahn auch als Brahms- und
Chopininterpretin bekannt. War Beethoven immer schon ein Schwerpunkt
ihres Repertoires, so wurde er mit der Zeit ihr ausschließliches
Markenzeichen. Ihre Frisur, über die sie sich im Anfang auch
selbstironisch äußerte, als sie sich als "großen Pavian" bezeichnete,
wurde mehr und mehr als beethovensch empfunden, wie sie selbst sich
als Inkarnation des Bonner Meisters stilisierte. Dass noch etwas
zumindest am Anfang ihrer Karriere zu ihrer Popularität beitrug, zeigt
folgender Bericht. Leopold Schmidt schrieb über ihren ersten Auftritt
in Berlin, nachdem er sie einen Abend vorher in einem Konzert als
Zuhörerin im Publikum erkannt hatte: "Am nächsten Abend sah ich sie
wieder - auf dem Podium in der Philharmonie. sie spielte mit einem
solch großem Temperament, daß das lose Gewand ihr abzugleiten drohte.
Während sie es mit der einen Hand hielt, spielte sie den Satz mit der
anderen allein zu Ende." Das "lose" Gewand taucht immer mal wieder in
Kritiken auf - von Beethoven ist dergleichen mW nicht überliefert.
Immer wieder argumentiert sie in ihren Erinnerungen gegen das
Virtuosentum - und gegen leichte Musik. Das intellektuelle
Durchdringen des Kunstwerks ist ihr verhasst: "Durch rein
verstandesmäßige, ausgeklügelte Methoden kann eine echt künstlerische
Entwicklung niemals erreicht werden. Dadurch verschließt sich vielmehr
der Zugang zum Kunstwerk, denn es enthält Geheimnisse, die sich dem
Neugierigen sowie dem Ehrgeizigen entziehen und sich nur dem
entschleiern, der für Offenbarung und Intuition empfänglich ist. Er
muß das Organ besitzen, welches ihn das Fluidum der Kunst empfangen
läßt, und sich dem Werk demütig nähern." (Erinnerungen, S. 73)
Einen Brief eines "städtischen Zimmermanns" zitiert sie ausführlich
und im Wortlaut - es ist zu vermuten, dass er ihr aus dem Herzen
gesprochen hat:
"Sehr verehrte Frau Professor!
Anläßlich Ihres Klavierabends am 22. Januar 1942 im Badhotel hatte ich
Gelegenheit, auch als gewöhnlicher Arbeiter diesen Abend mitzuerleben.
Da ich gerne Musik höre, selbst aber kein Instrument spielen kann noch
Noten kenne, hatte ich von dem Abend eine ganz andere Vorstellung, als
wie ich ihn in Wirklichkeit erlebte. Man hat als Arbeiter so ein
gewisses, man kann auch sagen dummes Vorurteil, weil man sich sagt,
das ist für unsereins zu schwer zu verstehen, das ist nur für die
Musikkenner und die sogenannten besseren Kreise. Daß sich die Sache
doch anders verhält, kann ich Ihnen zu meiner allergrößten Freude nur
zum Ausdruck bringen, da dieser Abend für mich ein Erlebnis war. Ich
finde nur die richtigen Worte nicht, um Ihnen zu schildern, wie die
Töne auf mich einwirkten, mich aufrüttelten, mich packten und in
meinem Herzen mitschwingen ließen."
....
Bis dahin liest man freudig mit, wie Elly Neys Bestrebungen "hohe
Kunst" auch immer an das Publikum, vor allem an die Jugend und an
"einfache Menschen" heranzubringen, erfolgreich ist. Auch dies kann
man als Konstante ihres künstlerischen Lebens festhalten, dass sie
immer wieder als Volkspädagogin tätig war und den Kontakt außerhalb
der "besseren Kreise" suchte.
....
"Ich lauschte mit einer Andacht Ihren Weisen, wie wenn es in einem
Gotteshaus gewesen wäre."
....
Hier findet man sie wieder: das quasireligiöse Verständnis von Kunst
....
"Ich mußte mir innerlich sagen, auch diese Musik ist für den
gewöhnlichen Arbeiter zu verstehen und auch nicht zu schwer, wenn er
sie zu hören bekommt. Ich habe nur den einen Wunsch, wieder einmal
eine solche Andacht, wenn ich es so nennen darf, zu hören; denn das
ist die Musik, die auch der Arbeiter hören möchte. Wenn ich zum
Beispiel das Radio einschalte und gern etwas Musik hören möchte, kann
es passieren, daß eines [!] der Angehörigen sagt: Schalte das Radio
ab, dieses ewige Jazzkonzert bin ich leid! Wie anders ist es doch,
wenn das Radio etwas bringt von Mozart, Beethoven, Schubert oder
Johann Sebastian Bach. Da kann man nicht lange genug den Melodien
lauschen. Nun will ich aber zum Schluß kommen, sonst könnte Sie mein
Brief langweilen. Immer noch habe ich die letzten Klänge in den Ohren,
die so zart und weich ausklangen mit dem 'Guten Abend, gute Nacht,
morgen früh, so Gott will, wirst du wieder geweckt.' Gerade diese
letzten Klänge ließen die Musik in mir lebendig werden; denn ich sah
in diesem Augenblick mein eigenes Kind schlummernd im Bettchen liegen
und dachte dabei auch: Morgen früh, so Gott will, wirst du wieder
geweckt.
Entschuldigen Sie bitte, Frau Professor, wenn ich Sie mit diesem Brief
belästige, aber es ist aus dem Herzen des Arbeiters gesprochen.
Ihr ergebener
L. Sch., Städtischer Zimmermann
Überlingen/Bodensee"
(S. 112f.)
Am 26. April 1938, so liest man in Priebergs Handbuch, sendet sie in
diesem Sinne über H. Duda ihre Botschaft - ausgerechnet an
Reichsleiter Rosenberg:
"Sie müsse leider von sich aus sagen, dass bei der Organisation 'Kraft
durch Freude' für die Abteilung Musik bestimmt nicht die richtigen
Männer eingesetzt seien, denn immer und überall, wen sie schon zu
KdF-Betriebskonzerten, um die sie sich ganz besonders bemühe,
herangezogen würde, lege man ihr stets nahe, doch 'leichte Musik' zu
bringen und nicht etwa Beethoven oder Schumann usw. So etwas
verstünden die Arbeiter ja doch nicht. Sie persönlich stehe allerdings
auf einem anderen Standpunkt, und die Erfahrung habe ihr immer wieder
recht gegeben, aber die verantwortlichen Männer machten ihr und
anderen gleichgesinnten Musikern in dieser Hinsicht stets das Leben
schwer."
....
Auch bis dahin liest man noch mit Interesse, doch die folgenden Zeilen
machen Zeiten und Gesinnung dann offenbar
....
"[...] Frau Ney bat mich, Reichsleiter Rosenberg noch davon zu
unterrichten, dass sie wisse, dass viele der deutschen
Konzertagenturen sich jetzt bereits mit österreichischen *jüdischen*
Agenturen verbinden und Verträge schließen. Sie hätten daher hier
schon alle grosse Sorge. Es wäre dringend notwendig, hier gleich
einschneidende Massnahmen zu ergreifen."
....
Es wird einem hier kalt
....
"Zum Schluss teilte Frau ney mir noch vertraulich mit, daß sie glaube,
im Namen fast aller wirklichen deutschen Künstler zu sprechen, wenn
sie erkläre, daß, wenn auch in Österreich Dr. J[osef] G[oebbels] die
Kunst betreuen werde, eine wirkliche Neugestaltung der Kunst auch dort
scheitern werde."
Prieberg bemerkt zu Recht, dass hier Elly Ney den "unmusischen
Ideologen" Rosenberg gegen den "immerhin künstlerisch
aufgeschlossenen" Goebbels auszuspielen versuchte.
(Prieberg, Handbuch S. 4856)
Es grüßt herzlich
Peter
--
Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Zusatz und Blut wird Bier,
Mein Vaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im Rosenkavalier. (Hasenclever)
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