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| Rasende Reporter vom Bachfest 1.5. [message #228539] |
Mon, 02 May 2005 17:17 |
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Hallo,
ein harter Tag stand bevor- 4 Veranstaltungen!
Als erstes ein Kantatengottesdienst in der Thomaskirche mit- den
Windsbachern! Die Solisten des Vortages waren auch alle da, bis auf S.
Rubens, die wurde nicht gebraucht.
Der Chor war äusserlich müde, die lütten Jungs hatten Augenringe, aber
die Stimmen waren wach: Los ging es mit einer Brahms-Mottete "Schaff in
mir, Gott" , op. 29 Nr.2
Hinreissend, diese Brahmssche Schwermütigkeit mit den Psalmentexten.
Dann aus den "Windsbacher Psalmen" Psalm 95 von Emanuel Vogt. Ich fühlte
mich an ein Alpenjodlerlied erinnert, aber sehr positiv!
Was sind eigentlich "Winsbacher Psalmen"? Weiss das jemand?
Dann sangen sie noch BWV 117 "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut".
Elisabeth von Magnus war besser drauf, ihr Rezitativ hatte einen
ordentlichen Peng, Marcus Ullmann wieder seltsam blutleer und Sebstian
Bluth wie am Vortag ganz auf den Punkt.
Wieder der wunderbare Chor, und wenn die nach Berlin kommen, gehen wir
hin.
Das nächste Konzert war wieder aus der Preisträger-Reihe, dieses mal in
der Alten Handelsbörse, wo auch oft das Leipziger Streichquartett
spielt. Jetzt hörten wir das junge Streichquartett Quatuor Ébène, vier
junge Franzosen, 1999 gegründet.
Sie spielten Beethoven op.127, das gefiel mir nicht so. Irgendwie fehlte
die Transparenz im Spiel, es war oft ein ziemliches Durcheinander.
Anton Webern mit seinen Sechs Bagatellen op.9 war das Zwischenstück, die
Stücke sind so kurz, dass ich mir noch gar keinen Eindruck verschafft
hatte, das waren sie schon zu Ende.
Zum Schluss das Ravel-Quartett, und ich war an gleicher Stelle schon mal
sehr hingerissen vom Leipziger Streichquartett, die Messlatte hing also
hoch. Aber hier war alles ziemlich gut- da hatte jede Stimme ihr
Gewicht.
Die werden bestimmt noch was! Der schwächste schien der 1.Geiger zu
sein, was auf Dauer nicht so glücklich wäre...aber vielleicht hatte er
auch nur einen schlechten Tag.
Nun war es Mittag, und wir hatten schon sehr schöne Eindrücke.
Am späten Nachmittag ein Knaller, der für uns zunächst zum Rohrkrepierer
zu werden drohte...Angekündigt war das Konzert für die Thomaskirche,
aber es fand in der Nikolaikirche statt, was wir glücklicherweis enoch
ausreichend vorher bemerkten. Offenbar war die andere Spielstätte schon
früh in der Planung festgelegt worden, es gab wohl recht wenig Leute mit
Platzkarten für die Thomaskirche, aber wir waren nun so ein Fall.
Ein bisschen kennen wir das schon, aber man kann eigentlich auf die
Organisatoren bauen, die sich bis jetzt sehr kümmerten, wenn auch nicht
immer so professionell. Hier war auch gleich eine Dame zur Stelle, die
uns neue Karten gab. Als wir am Platz ankamen, stellte sich allerdings
heraus, dass es nicht ganz gleichwertig war: Gekauft hatten wir
Emporenkarten auf gleicher Höhe mit den Ausführenden, und zwar so nah
wie möglich- sitzen sollten wir nun eine Empore höher und am denkbar
weitest entfernten Platz, denn wir sassen an der Orgel, und die Sänger
sollten vorn stehen. Ganz davon abgesehen, dass es auch nicht der
Preiskategorie entsprach, die wir gebucht hatten, fanden wir das eine
ziemliche Frechheit. Also intervenierte mein Streitbarer, und wir
sollten uns nun irgendwohin setzen, es würden eh Plätze frei bleiben.
Das verstanden wir nun gar nicht, denn wir wollten uns ja nicht dauernd
mit Leuten um den Platz kloppen, die dafür eine Karte haben. Zu guter
Letzt durften wir uns in die erste Reihe, eigentlich die nullte, setzen,
auf für das Bach-Archiv reservierte Plätze, von denen übrigens keiner
benötigt wurde, denn es kam kein Bach-Archiv...
Uns war es deshalb so wichtig, etwas zu sehen, weil wir zum ersten Mal
live das Hilliard-Ensemble erlebten.Aber vorher sangen noch andere, und
zwar das Concerto Vocale Leipzig unter Gotthold Schwarz. Die sangen die
Motette "Komm Jesu, komm" BWV 229 und "Der Gerechte kommt um". Soviel
wir wissen, ist der Chor halbprofessionell, und dafür war das ziemlich
gut. Die Motette zerfaserte nicht, es war schon Bach. Die dynamischen
Fähigkeiten waren aber sehr begrenzt, alles war irgendwie mf, mehr oder
weniger ging nicht. Schön war es, Gotthold Schwarz zuzuschauen, wie er
voller Vertrauen und irgendwei sehr gütig seinen Chor dirigierte.
Jetzt aber war das Hilliard dran. Es gab Avo Pärt Johannes-Passion, da
ist der Evangelisten-Part auf 4 Stimmen verteilt. Pilatus und Jesus und
der Chor (wieder Concerto Vocale Leipzig) kamen von hinten von der
Orgel, die Evangelisten von vorne.
Die Musik hat mich tödlich gelangweilt, dabei waren die Effekte schon
ganz gut. Aber ein ganzes Werk von einer Stunde (geschätzt) trägt der
eine Einfall nicht, finde ich.
Tolle Stimmen, die können schon toll zusammen singen.
Abends dann das letzte Konzert für uns: Im Alten Rathaus die Akademie
für Alte Musik Berlin unter Stephan Mai zusammen mit dem hauseigenen
Cembalisten Raphael Alpermann und der Leipzigerin Christine Schornsheim
auf dem Hammerflügel.
Es gab Bachs Cembalokonzert E-Dur, BWV 1053, mit Alpermann. Wenn die
Akademie einen schlechteren tag hat, rattern sie einfach so durch, und
so war es auch hier. Dazu kam die Ratlosigkeit bezüglich der
Instrumente: Der Saal ist beim Publikum berüchtigt wegen unerträglicher
Hitze (wir gehen immer nur im Hemd hin und nehmen was zu trinken mit),
und für die Musiker ein Alptraum, weil jede Stimmung ca. 5 min.hält.
Warum der Saal immer wieder benutzt wird, ist mir ein Rätsel. Wir haben
schon vorher gewettet, wie lange es wohl dauern wird, und wirklich nach
exakt 10 Minuten gab es einen Ruck, und ein paar Streicher waren schon
daneben.
Irgendwie scheinen auch solche Profis wie die Akademie Skrupel vor dem
Nachstimmen zu haben, denn sie stimmten innerhalb des Werkes nicht nach.
(Die einzigen, die das konsequent gemacht haben in diesem Saal, waren
Hille Perl und Lee Santana, und die spielten Werke mit vielen Sätzen,
und nach praktisch jedem Satz wurde neu justiert.)
Vor dem nächsten Werk orientierten sie sich schon neu, allerdings am
auch schon verstimmten Cembalo, und alle guckten schon recht
galgenhumorig.
Es folgte C.Ph.E. Bach Konzert Es-Dur Wq 47 für Hammerflügel und
Cembalo. Schornsheim ist eine sehr gelöste Spielerin, finde ich, sie hat
Humor, und verbiss sich schon das Lachen, denn es gab auch noch zwei
Hörner, die nicht einen einzigen richtigen Ton hervorbrachten.
Nach der Pause (alles hing am Fenster) Mozart: Erst Adagio und Fuge
c-Moll KV 546 für Streicher, und dann das Jeunehomme-Konzert KV 271,
wieder mit Cembalo und Hammerflügel. So etwas wie musikalische Stimmung
trotz der Widrigkeiten kam beim 2.Satz auf, und so blieb es auch, was
dem furiosen Ende sehr gut tat.
Wer sich das Ganze anhören will- der MDR hat mitgeschnitten und sendet
am 4.6. auf Figaro um 16.00 Uhr.
Sabine
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