| Harnoncourt zur Aufführungspraxis von Bruckners Symphonien [message #228174] |
Sat, 30 April 2005 23:27 |
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Berliner Zeitung, 30.04.2005
Kürzlich bat der Dirigent Nikolaus Harnoncourt die Wiener
Philharmoniker, Bruckners fünfte Symphonie mit mehr
"oberösterreichischer Melancholie" zu spielen. In einem langen
Interview erklärt er, warum die Musik stark geprägt ist von
Landschaften: "Da mach' ich mir ununterbrochen Gedanken
drüber. Wenn ich zum Beispiel höre, wie ein Engländer oder ein
Norddeutscher Bruckner dirigiert, bin ich oft ganz verärgert, weil
er wirklich alles falsch macht, obwohl es dabei nur um ganz kleine
Nuancen geht. Bruckner hat einen starken Bezug zur Landfolklore.
Das ist etwas völlig anderes als die Stadtfolklore wie bei Schubert
oder Johann Strauß. Wenn Sie sich den Rhythmus im langsamen
Satz von Bruckners Fünfter anschauen: Das ist eine Bauern-Musik.
Wenn man das ganz exakt spielt, alles Kante auf Kante, dann ist
das falsch. Diese Musik muss einfach passieren, man muss sie
geschehen lassen. Es ist wichtig, so etwas einem Orchester zu
vermitteln, das diese Folklore nicht kennt. Und diese Folklore hat
etwas mit dem Gebirge, mit der Bergigkeit eines Landes zu tun. Auch
die Notwendigkeit, sich von einer Alm zur andern zu verständigen,
durch die Luft, entweder mit einem Feuer oder mit Gesängen, auch
dass die Schritte im Gebirge anders sind, wenn man aufwärts gehen
und Lasten ziehen muss - alle diese landschaftlichen Dinge spielen
eine große Rolle in der Musik. Es kommen ja auch Tänze und ganz
viele Jodler, sogar schon bei Mozart, in der Musik vor."
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