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Musik im Dritten Reich - Ottmar Gerster (2) [message #222884] Sat, 09 April 2005 18:04
Peter Brixius  
Prieberg lässt in seinem Handbuch zwei Rezensenten sprechen, deren
"Berichte" er auszugsweise zitiert. Damit sind wir in einer ähnlichen
Lage wie etwa bei "Madame Liselotte": Wir lesen zwei subjektive
Sichtweisen, die möglicherweise repräsentativ für ihre Zeit gewesen
sein mögen, ohne deshalb zu wissen, inwieweit sie das Stück adäquat
widerspiegeln.

Doch sehen wir erst einmal in die Rezensionen. Carl Heinzen berichtet
über die Opernuraufführung in den Münchener Neuesten Nachrichten vom
14.10.1941:
"Richard Billinger schilderte in dem nach seinem Drama geschaffenen
Textbuch den Opfertod einer als Hexe verfolgten Mysterienspielerin.
Sie ist gütige Helferin ihrer Mitmenschen und die Seele des
Bauernaufstandes, der sich gegen finsteres Mittelalter richtet: gegen
Aberglauben und Willkür der Herrenschicht. Der heldenhafte Mut des
Weibes zwingt den Obristen von Passau derart in fast dämonischen Bann,
daß er sich an die Spitze der vorübergehend führerlos gewordenen
Bauern stellt, um mit ihnen Sieg und Befreiungswerk zu vollenden"

Auf den Inhalt werde ich im Zusammenhang mit der Analyse von Walter
ein wenig genauer eingehen. Hier mag es als eine kursorische
Beschreibung des Inhaltes genügen.

Das erste Stichwort ist der Librettist, Richard Billinger. Auf dem
Land aufgewachsen, soll der Junge Priester werden, verlässt das Linzer
Petrinum, studiert Philosophie und Germanistik ohne Abschluss, will
Zirkusathlet und Boxer werden und entscheidet sich am Ende für die
Literatur. 1922 entdeckt, von Grete Wiesenthal an Hugo von
Hofmannsthal verwiesen, dem er Gedichte vorträgt, dichtet er: erdige
Bauernlieder und brünstige Hymnen auf Faune und schöne Klosterbrüder.
"Der zwei Meter große Kraftlackel ist homosexuell und entgeht 1935 in
München nur knapp einer Verurteilung."
(http://www.nachrichten.at/landsleute/342096)

Weiter bei Heinzen:

"Es ist nicht Einzellos, sondern Volksschicksal, das in buntbewegter
und doch logisch entwickelter Handlung abrollt. Kraftvoll sind auch
die Gegensätze der Stände, charakteristisch beleuchtet sind auch die
verschiedenen Vertreter des gleichen Standes. Im Mysterienspiel wird
zugleich eine Süße heraufbeschworen, die unmittelbar aus der herben
Innigkeit des Mittelalters herauszuwachsen scheint. "

Hier wird Walter kritisch ansetzen ...

"Grundton der Musik ist der gleiche Einklang von Lyrik und Dramatik,
der bis in die kleinsten Episoden hinein spürbar bleibt. Die besonders
in den Chören an Händels monumentale Quadertechnik gemahnende
Tonsprache stützt sich auf das Aufrührerlied der Bauern, das zum
Innenleben aller Gestalten in enge Beziehung gebracht wird. Eine Oper,
die vom ersten bis zum letzten gegenwartsnah ist [...]."

(zitiert nach Prieberg, Handbuch, S. 2058f.)

Die letzte Bemerkung leuchtet in keiner Weise ein - wenigstens nach
dem, was man zuvor zu lesen bekam. Vielleicht wird die andere
Rezension uns näher an die implizite Kritik Priebergs bringen.

Es grüßt herzlich

Peter



--
Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Zusatz und Blut wird Bier,
Mein Vaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im Rosenkavalier. (Hasenclever)
Re: Musik im Dritten Reich - Ottmar Gerster (2) [message #224634 ] Sun, 17 April 2005 13:04
Peter Brixius  
Die kontroversen Sichtweisen der Oper "Die Hexe aus Passau" gehen vor
allem auf das gewählte Libretto zurück, das ich in diesem Beitrag
vorstelle. Das andere Problem der "Volksoper" - ein Problem, das sich
ja unter verschiedenen Vorzeichen der Linken wie der Rechten stellte -
will ich im folgenden Posting ansatzweise angehen.

Die Zusammenfassung der "Hexe von Passau", die ich biete, zitiert
weitgehend die ausführliche Darstellung in Walter "Hitler in der Oper"
(S. 263-276). Alternativ kann man auf der Seite des Verlags von
Billinger eine deutlich andere Zusammenfassung zur Kenntnis nehmen:
http://makeashorterlink.com/?E1F4227EA


1. Bild: Die heilkundige Valentine Ingold verteilt in der Scheune des
Bauern Alberer Wundermittel an die Bauern, wird aber von Alberer
vertrieben. Ein Soldat fordert widerrechtlich die Zahlung des Zehnten
von Alberer, dessen Frau auftritt und klagt, von einem anderen
Soldaten sei ihr Gewalt angetan worden. Alberer ersticht in der Wut
den ersten Soldaten, der Schmied Ingold ruft zum Bauernaufstand auf,
um einem Strafgericht zuvorzukommen.

2. Bild: Im Wirtshaus proben Valentine und drei Musikanten ein
Passionspiel. Alberer flüchtet sich vor den Soldaten zu ihnen und wird
von Valentine versteckt. Der reiche Müller Satlbogen macht Valentine
einen Heiratsantrag. Als sie erfährt, dass er sich nicht dem Aufstand
ihres Vaters anschließen will, lehnt sie ihn ab.

3. Bild: Die Bauern haben Scharding eingenommen, sie tanzen, brüllen,
zerstören im Rausch. Die Bauern der Nachbardörfer wollen sich der
Rebellion nicht anschließen. Der betrunkene Ingold verurteilt drei
Bürger zum Tode - da erscheint Graf Klingenberg mit seinen Soldaten
und läßt den Platz umstellen. Feige leugnet Ingold seine
Anführerschaft. Klingenberg verurteilt ihn, den gleichfalls feigen
Alberer und den Fremden, der den Henker machen wollte und sich auch
als feige herausstellt, zum Tode.

Pater Seraphim, der Generalvikar, hat inzwischen Valentine und ihre
Musikanten als Ketzer festgenommen und führt sie gefesselt herbei. Die
Kirche hatte das Passionsspiel als Ketzerei unter Strafe des
Scheiterhaufen verboten. Klingenberg will das Spiel sehen, das ihm von
Valentine vorgeführt wird. Es mündet in eine Bitte, die Bauern zu
begnadigen. Klingenberg willfährt, Valentine wird aber nach Passau
(Sitz des Erzbischofs) gebracht.

4. Bild: Valentine ist zum Scheiterhaufen verurteilt worden. Eine
Heirat könnte sie lösen. Satlbogen wiederholt seinen Heiratsantrag,
wird aber von Valentine abgewiesen. Nun bietet ihr der Graf - zur
Empörung des Klerus - die Ehe an ("Wann mich der Pabst von meinem
Eheweibe lösen tut, ich biet' der Valentine Ingold meine Hand zur
Eh'!"), Valentine will aber sterben, um damit die Rebellion der Bauern
anzufachen. Alleingelassen und die Hinrichtung Valentines durch die
Schießscharte beobachtend, erklärt der Graf, dass er die Bauern
anführen werde.

Dahlhaus ("Vom Musikdrama zur Literaturoper". München, Salzburg, 1983)
hält die politische Maxime, die das Stück proklamiert, für fatal: "Das
dritte Bild zeigt die revoltierenden Bauern als betrunkenen Haufen,
der raubt und plündert [...]. Erst im Schlußbild erhält der
Bauernaufstand dadurch, daß ein Aristokrat, Graf Klingenberg, von der
Adels- zur Bauernpartei übergeht, disziplin, Form und Richtung. Mit
anderen Worten. Die Masse braucht, um nicht in destruktive Anarchie zu
verfallen, einen Führer, der 'von oben' kommt." (S. 234 f.) Dahlhaus
weist zu Recht auf den unmotivierten Umschlag der Volksstimme hin:
nachdem der Chor des Volkes zunächst die Hexe "wegen des Ausbleibens
der teuflischen Unterstützung verhöhnt hatte, schlägt die Stimmung
abrupt und unmotiviert in einen hymnischen Marsch um, der die
Verurteilte als Märtyrerin der Freiheit rühmt." (S. 225) Der Marsch
selbst wird von Gerstr als fanatisch apokalyptisch charakterisiert.
Dahlhaus' abschließende Wertung ist: "Die Tatsache, daß Ottmar
Gerster, bei subjektiv zweifellos integrer Gesinnung, einer Oper die
These zugrunde legte, daß eine revolutionäre Masse [...] eine
aristokratische Führung brauche, läßt sich, obwohl Billingers Libretto
ursprünglich ein Schauspiel war [und der Oper ursprünglich eine
Schauspielmusik Gersters zuvorging PB], mit einer konventionellen
Operndrmaturgie in Zusammenhang bringen, in der die Substanz einer
Fabel [...] aus Privataffären zwischen Personen verschiedenen
Geschlechts und entgegengesetzen politischen Gesinnungen besteht." (S.
225 f.)

Walter stellt fest, dass das Feindbild nicht eindeutig definiert ist.
Reale Gegner der Bauern sind die Soldaten, die von Graf Klingenberg im
Auftrag des Erzbischofs angeführt werden. Der "Opfertod" Valentines
ist ja durch das kirchliche Verbot des Passionsspiels verursacht
worden - auch kaum ein Anliegen, dass sich aufständische Bauern auf
ihre Fahne schreiben würden, Passionsspiele zu ermöglichen. Die
ökonomische Begründung (ungerechtfertigter Zehnter) wird gleich zu
Beginn des Stückes aufgegeben, es kommt die vereinzelte Untat eines
Soldaten dazu. Sympathie und Wandel Klingenbergs ist durch Valentine
bewirkt - und ihr Passionsspiel, das zur Begnadigung der Bauern führt.
Aber seine Führerschaft wird auch nur beabsichtigt - Klingenberg
befindet sich allein auf der Bühne und spricht zum Publikum (Walter,
S. 269), ob sie verwirklicht wird, bleibt offen.

Diese überraschende Kehrtwendung wurde auch von der DDR-Literatur
kritisiert (Walter zitiert Malth, Ottmar Gerster, Leipzig 1988) - am
Ende eines eher antiklerikalen Stückes steht nicht die "Arabeske der
Führerideologie", sondern die dramaturgisch ungeschickte Lösung des
Problems der "Volksgemeinschaft".(Walter, S. 269)

Dazu weiter in der nächsten Folge ...

Es grüßt herzlich

Peter

--
Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Zusatz und Blut wird Bier,
Mein Vaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im Rosenkavalier. (Hasenclever)
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