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Musik im Dritten Reich - Ottmar Gerster (1) [message #222881] Sat, 09 April 2005 12:29
Peter Brixius  
Wenn wir uns den Eintrag "Ottmar Gerster" im Riemann-Brockhaus
anschauen, so gibt es erst einmal wenig Auffälliges:

"Gerster, Ottmar, * 29.6.1897 Braunfels (Kreis Wetzlar), † 31.8.1969
Leipzig; dt. Komponist, Kompositionsschüler von B. Sekles und
Violinschüler von A. Rebner am Dr. Hoch'schen Konservatorium in
Frankfurt am Main, war 1927-47 Dozent an der Folkwangschule in Essen,
1947-52 Prof. an der Musikhochschule in Weimar, 1952-62 an der
Musikhochschule in Leipzig. Er zielt mit seiner Musik auf allgemeine
Verständlichkeit, ohne auf avancierte Techniken zu verzichten. -
Kompositionen: Opern Madame Liselotte (Essen 1933), Enoch Arden
(Düsseldorf 1936, sein erfolgreichstes Werk), Die Hexe von Passau
(ebd. 1941), Das verzauberte Ich (Wuppertal 1949) und Der fröhliche
Sünder (Weimar 1963). - Ballett Der ewige Kreis (Duisburg 1939). -
Kleine Sinfonie (1931); Thüringer Sinfonie (1952); 3. Symphonie
(»Leipziger«, mit Schlußchor, 1965). - Concertino für Va und
Kammerorch. (1928); Violoncellokonzert (1946); Klavierkonzert (1956);
Hornkonzert (1962). - 2 Streichquartette (1923 und 1954). - Das Lied
vom Arbeitsmann für Chor und Orch. (1929); Eisenkombinat Ost für Soli,
Chor und Orch. (1952); Ballade vom Manne Karl Marx (und der
Veränderung der Welt) für B., Chor und Orch. (1961)."

[Brockhaus-Riemann Musiklexikon: Gerster. Brockhaus Riemann
Musiklexikon, S. 3925 (vgl. BRM Bd. 2, S. 115) (c) Schott Musik
International]

Allenfalls erstaunt das Fehlen der in der DDR so beliebten
Festouvertüre 1948 (zu hören in der Box "Musik in Deutschland
1950-2000 [a] Musik für Orchester: Sinfonische Musik" . Man sieht eine
Lehrtätigkeit in Essen, die vor dem Dritten Reich anfängt und es
überdauert, dann einen Wechsel in die spätere DDR 1947. Schlägt man in
Priebergs Handbuch nach, wird das Bild schon deutlicher:

Vor 1933 betreute Gerster Arbeitergesangvereine. Für seine Oper "Die
hexe von Passau" erhielt er 1941 den Robert-Schumann-Preis. Er erhielt
Förderung aus dem Staatszuschuss für E-Komponisten (Prieberg, S.
2055). Nach 1945 war er weiter Dozent in Essen, obwohl der auf der
"Schwarzen Liste" der US-Militärregierung stand, leitete die
Volkschöre in Essen und Werden, wurde 1947 als Kulturbeauftragter der
sowjetischen Militäradministration nach Weimar berufen, dort war er
zugleich Professor an der Musikhochschule, 1948-51 ihr Direktor.
Prieberg verzeichnet auch DDR-Auszeichnungen: 1951 und 1967
Nationalpreise, 1962 den Vaterländischen Verdienstorden der DDR. Ein
Leben zwischen zwei autoritären Systemen, die ihm gleichermaßen
gewogen waren, wird nahe gelegt. Da folgt dem sozialistischen
Festspiel "Wir" (1932) die Kantate "An die Sonne" (1937), in der DDR
dann nach dem o.a. "Eisenhüttenkombinat Ost" 1954 "Sein rotes Banner"
- "affektbestimmte und funktionsgerechte" Musik (Schneider in der Box
des DMR) zu allen Zeiten.

Nicht übersehen sollte man allerdings den Hinweis bei Prieberg (aaO
2055): "Kein Eintrag im ZKNSDAP", d.h. im Unterschied zu Gerber oder
Karajan (der sollte gleich zweimal drinstehen) oder Werner war Gerster
kein Parteimitglied.

Bei Prieberg folgt nun die notwendige Ergänzung des
Werkverzeichnisses. Das findet man 1933 u.a. "Ihr sollt brennen"
(Text: B. v. Schirach), Kampfchoral der Deutschen Christen 1933. In
diesem Jahr kommt auch seine Oper "Madame Liselotte" zur Aufführung.
Die Hauptgestalt der Oper ist die Liselotte von der Pfalz, deren
Korrespondenz vom Hofe Louis XIV. uns so manches historische Detail
und so manche Seufzer über das Leben am Hofe übermittelt haben.

Prieberg zitiert aus einer Rezension (Hans Albrecht, 1933), die auf
der einen Seite von der "kerndeutschen Fürstin" spricht, "die inmitten
der Kabalen des französichen Hofes die treue Pfälzerin bleibt", auf
der anderen Seite die Musik Gersters mit einem "gesunden
Musikantentum" charakterisiert, "keine Kunst für einen kleinen Kreis
von snobistischen Feinschmeckern, sondern blutvolle, lebendige Kunst
für alle" - eine "echte Volksoper", bei der "kein Takt dem
unverbildeten Laien fremd und unverständlich" bleibt (Zitate nach
Prieberg, S. 2056).

Es ist schwer, sich aus diesen Angaben ein gerechtes Bild zu machen,
wenn einem die Oper selbst unzugänglich ist. Immerhin findet sich bei
Michael Walter ("Hitler in der Oper", Stuttgart, Weimar 2000) ein
wenig mehr: "Dass sich Völsing und Heifer [in Rez. zu Enoch Arden
u.a.] nicht auch auf 'Madame Liselotte' (1933) beziehen, liegt daran,
daß Gerster mit 'Enoch Arden' seine Stilistik völlig geändert hatte;
die Oper von 1933 war noch in den Spuren Puccinis komponiert."
(Walter, S. 271, Anm. 20)

Die bei Prieberg zitierte vereinzelte Rezension vermittelt also in dem
Kontext ein falsches Bild vom kompositorischen Werdegang Gersters -
die Volkstümlichkeit Puccinis ist wohl kaum diejenige, auf die die
nazistischen Kulturpolitik hinwirkte. "Enoch Arden" und seine
Rezeption wird bei Prieberg nur in der Biografie Gersters erwähnt
(dort der Hinweis die hohe Aufführungszahl), doch fehlen weitere
Hinweise auf die Rezeption.

Da muss man dann bei Walter nachlesen, in der o.a. Kritik von Erwin
Völsing in den Nationalsozialistischen Monatsheften 12 (1941), 79:
"Gersters Musik, die wirkliche Begabung mit gediegenem handwerklichen
Können verbindet, ist dem herben Charakter der nordischen See und
ihren Menschen angepaßt. Grundsätzlich und bewußt hält der Komponist
an der Tonalität fest, wenn auch durch kühne Klangverbindungen und
durch impressionistisch wirkende Quinten- und Quartenparallelen die
Regeln der herkömmlichen Harmonik zum Teil eine starke Ausweitung
finden." (zit. nach Walter, S. 270, Anm. 20). Bei K. Heifer: Oper und
Gegenwart (in: Die deutsche Oper der Gegenwart, hg. von C. Niessen)
findet sich zu Enoch Arden "unbedenklich effektvoll".

Prieberg nennt für die Festliche Musik für Orchester und einstimmigen
Schlusschor das Entstehungsjahr 1937, tatsächlich ist sie 1929
entstanden, 1936 schloss Gerster die zweite Fassung mit dem Schusschor
"Wach auf, wach auf, du deutsches Land" ab.

Neben einer Reihe von Gebrauchskompositionen für Männerchor u.ä.
schreibt Gerster 1938 die Musik zur Hörfolge "Arbeiter der Faust".
Prieberr zitiert aus einem Briefwechsel, in dem Gerster seine
"Oberhessischen Bauerntänze" zur Sendung "Keine Angst vor dem guten
Schlager" bzw. zum 1. Mai anbietet, "wo ja immer viel frohe und
wirklich unbeschwerte Musik zu brauchen ist [...]" (Prieberg, 2057)

Vor der "Hexe von Passau" (auf die ich im folgenden Beitrag eingehe)
wird von Prieberg noch der Text der 3. Strophe eines "Liedes der
Essener Straßenbau-Kompanien" für Gesang und Klavier zitiert:
"Ziehen wir zur Heimat wieder,
reichen wir uns all die Hand,
und es klingen unsre Lieder
dem geliebten Heimatland.
Deutschland, sollst uns neu erblühen,
Deutschland, dir gilt unser Mühen,
dir ja sei alle Zeit
unser ganzes Sein geweiht.
Deutschland, sollst uns neu erblühen."

Ob Prieberg diesen Text vor allem deshalb zitiert, weil er von Gerster
selbst geschrieben ist, entzieht sich meiner Kenntnis. (Ich stelle mir
nur dabei eine Straßenbau-Kompanie vor, die ein Klavier bei sich führt
....)

Am 13. September 1941 findet die Uraufführung der Ballade
"Hanseatenfahrt" mit Elisabeth Schwarzkopf, R. Watzke, Hanns Donath,
einer Chorvereinigung und dem Städtischen Orchester Remscheid statt,
einem Kompositionsauftrag der Stadt Remscheid. Prieberg stellt dazu
fest: "Es handelt sich um ein propagandistisch gemeintes Lehrstück
über den nun politisch aktuellen Kampf des alten Danziger Seehelden
Paul Benecke gegen britische Piraten." (S. 2058) Solche wertenden
Bemerkungen werden von Prieberg stets kursiv vom anderen Text
abgesetzt. Die Rezension des Remscheider General-Anzeigers vom
15.9.1941 liest sich so:

"[...] Was die Ballade vermittelt, bringt den musikalischen Kampf der
freien Hansestadt Danzig gegen England um die Ostsee in überzeugender
Form zum Ausdruck. [...] und Ottmar Gerster schuf dazu eine Musik, die
den Inhalt in Töne prägt, durch den man des wagemutigen
Hanseatengeistes teilhaftig wird und die auch an den Stellen von
nachhaltigem Eindruck sind, wo lyrische Stimmungen wiedergegeben
werden. Besonders gelungen ist die Schilderung der starren,
frostklirrenden Eislandschaft und das innige Gebet ["]O gebe Herr,[!]
den Unseren Sieg, daß freier wird die Welt!["] Oder der heiße innere
Schwur >Irmingard, ich denke Dein<, - welch wundervolle Schöpfung von
bleibenden Wert. Auch die orchestrale Ausschmückung trifft vorzüglich
die tragenden Gedanken des Werkes. Wie herrlich schmettern die
Hornisten zum Angriff. [...]" (zit. nach Prieberg, S. 2058)

Mit der im Dritten Reich wie in der DDR erfolgreichen Volksoper "Die
Hexe von Passau" beschäftige ich mich in den nächsten Folgen.

Es grüßt herzlich

Peter

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Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Zusatz und Blut wird Bier,
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