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| Musik im Dritten Reich - Priebergs Handbuch - Vorwort (3) [message #221330] |
Fri, 01 April 2005 16:45 |
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Wie steht nun die Musikwissenschaft zu der Arbeit Priebergs? In dem
Sammelband "Musikforschung Faschismus Nationalsozialismus" hrsg. von
v. Foerster, Hust und Mahling (Mainz 2001) findet sich ein Aufsatz von
Ludwig Finscher mit dem Titel "Musikwissenschaft und
Nationalsozialismus. Bemerkungen zum Stand der Diskussion" (S. 1-7).
Finscher konstatiert zu Beginn, dass die akademische Diszipin
Musikwissenschaft erst nur sehr geringfügige Versuche unternahm, ihre
Vergangenheit aufzuarbeiten: "Die ersten Darstellungen, in denen die
Phänomene zur Sprache gebracht wurden, stammten von Journalisten und
Wissenschaftsjournalisten (Josef Wulf 1963, Fred K. Prieberg 1982
u.a.); sie waren defizitär in mehrfacher Hinsicht: Einmal stellten sie
die Verstrickung als Teil einer staatlich verordneten und gelenkten
Deformierung der gesamten Musikkultur dar, also unter einem zugleich
unspezifischen und eingeengten Blickpunkt, zweitens stellten sie sie
als Verstrickungen von Einzelpersonen dar; drittens hatten sie eine
allzu schmale und ungesicherte Materialbasis, viertens ließen sie sich
von (nur allzu verständlicher) moralischer Empörung leiten, hinter der
die methodische Stringenz gelegentlich zurücktrat." (S. 1)
Ich zitiere die Passage deshalb ausführlich, weil sie bei Prieberg
helle Empörung auslöst, die sich in seinem Vorwort widerspiegelt.
Während ich Finscher in seiner Darlegung beim ersten Lesen gut folgen
konnte, ist beim wiederholten Lesen und der Einwände Priebergs doch
einiges nachzufragen. Mich überrascht zunächst der Ausdruck
"Phänomene" (Prieberg hat diesen Satzteil in seinem Vorwort nicht
zitiert), der dann synonym mit "Verstrickung" gebraucht wird. Mit
Verstrickung wird eben der Bezug auf Einzelpersonen nahe gelegt, der
dann kritisiert wird, "Phänomene" verkennt, dass die Musikgeschichte
des Dritten Reiches eine Vorgeschichte hat - und eine Nachgeschichte,
dass es autoritäre Strukturen gab, rechtskonservative
Erkenntnisinteressen, bei denen der Nationalsozialismus keinen
Paradigmenwechsel zu bringen brauchte, scheinbar ideologiefreies, das
schnell besetzt werden konnte - und nach dem Krieg wieder
umfunktioniert wurde. Gar so einfach sollte man es sich nicht machen -
und macht es sich Finscher auch im weiteren nicht.
Inzwischen hat man sich auch in der Musikwissenschaft von einengenden
Perspektiven getrennt. Wie der Komplex des Musiklebens selbst im
Zeitalter der Gleichschaltung außerordentlich widersprüchlich ist, hat
schon Prieberg deutlich gemacht, dass er aber auch nicht isoliert
gesehen werden kann von den europäischen Entwicklungen, sei es nun im
faschistischen Italien, sei es im Bereich der Sowjetunion, haben
neuere Untersuchungen nutzbar gemacht. Sinnfällig wird es für den
Betrachter von außen stets an konkreten Personen und Geschehnissen.
Insofern scheint mir die Kritik Finschers in Bezug auf Prieberg nicht
zu greifen. Aber mit dem Hinweis auf die moralische Empörung hat
Finscher Recht - und er legt im folgenden auch den Finger in die
Wunde: "Was ihre Lektüre und die vieler ähnlicher, meist
journalistischer Texte darüber hinaus heute so mühsam macht, ist der
Ton der Selbstgerechtigkeit." Finscher macht deutlich, dass dies ein
deutsches Phänomen ist, das sich keineswegs auf die musikhistorischen
Fragestellungen beschränkt.
Prieberg hält sich an das obige Zitat, um mit der "akademischen
Musikwissenschaft" abzurechnen. Das liest sich folgendermaßen: "So
legt ein zu spät gekommener Nachwuchsprofessor, Lehrstuhlhalter in
Heidelberg, Experte für die Epoche Josquins, Herausgeber einer
zentralen Musikenzyklopädie, die Bremser-Mentalität des Establishments
offen." Prieberg empfindet die Bezeichnung als "Journalist" eine
"Malice" (d.i. Bosheit), dazu als unwahr: "Finschers Äußerung schmeckt
nach Absicht; Meinungsmache und Unwahrheit schließen historische
Wissenschaftlichkeit jedoch aus. So einer merkt gar nicht, daß er sich
den Verdacht aufs hohe Katheder holt, seine Selbsteinschätzung sei
defiziär und die Attacke könne vom Neid des Zuspätgeborenen diktiert
sein." (S. 2)
Finscher (ebenso wie etwa Lovisa [in "Musikkritik im
Nationalsozialismus", Laaber 1993], ein Doktorand Finschers, der immer
wieder zustimmend Prieberg zitiert und auf ihn zurück greift) stellt
überhaupt nicht Priebergs Verdienst und seine Arbeit in Frage. Im
Gegenteil, er sagt deutlich, dass die Musikwissenschaft "nichts
sachlich und methodisch Befriedigendes zum Thema vorgelegt hat"
(Musikforschung, S. 2), "bis vor wenigen Jahren überhaupt nichts".
Finscher hat nur die Grenzen der Arbeit Priebergs aufgezeigt, ob zu
Recht oder Unrecht werde ich an konkreten Beispielen erörtern.
Es grüßt herzlich
Peter
--
Man nimmt in der Welt jeden, wofür er sich gibt; aber er muss sich
auch für etwas geben. Man erträgt die Unbequemen lieber, als man die ´
Unbedeutenden duldet.
(Goethe)
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